GeschäftsWelt, Sonderheft CeBIT 2001

Zwischen Freiheit und Stechuhr

Im Normalfall müsste sich die technische Redakteurin Eva Less zwischen Partner oder Job entscheiden. Oder jeden Tag vier bis fünf Stunden zwischen Arbeitsplatz und Wohnung hin- und herpendeln. Denn sie lebt im österreichischen Feldkirch und arbeitet in München. Jedenfalls manchmal. Aber dank ihrem Arbeitgeber, der Comet Computer GmbH, nur dann, wenn Besprechungen, Kundentermine oder andere wichtige Dinge anstehen, bei denen ihre Anwesenheit unbedingt erforderlich ist. Ansonsten nutzt sie die elektronische Kommunikation, das firmeninterne Intranet, E-Mail, Telefon und Fax für ihre Arbeit.

"Hier im Unternehmen wird Flexibilität groß geschrieben", sagt Eva Less, deren Job es unter anderem ist, Handbücher für Software zu erstellen. Eine Kollegin von ihr managt ihre Aufgabe als Projektleiterin sogar aus dem hessischen Darmstadt - und überhaupt kommen und gehen hier alle, wie und wann sie wollen.

Was nicht heißt, dass nicht hochproduktiv gearbeitet wird. Im Gegenteil. Eben nicht nur nach den starren Regeln von Vollzeit, Teilzeit oder Telearbeit. Die Mitarbeiter bestimmen ihre Arbeitszeit und wo sie diese verbringen wollen weitgehend selbst. Immer vorausgesetzt, ihre Aufgabe wird erledigt. Und da kann es sein, dass sowohl zu Hause als auch im Büro, in der Villa in der Nähe der Münchner Theresienwiese, gearbeitet wird. "Manchmal bin ich für drei Wochen am Stück hier, dann wieder nur in Feldkirch", schildert Eva Less den ganz normalen Arbeitsalltag.

Kaum jemand der rund 60 Mitarbeiter von Comet Computer ist allerdings reiner Telearbeiter. Denn auf ein Gemeinschaftsgefühl, das nur aus persönlicher Begegnung entstehen kann, legt die Unternehmensgründerin Sissi Closs besonderen Wert. Und dafür sorgen nicht nur Besprechungen und Zusammenkünfte in der Firma, sondern auch private gemeinsame Veranstaltungen und Feiern.

So viel Freiheit erfordert allerdings eine gute Organisation. Wer wann wo und wie lange zu erreichen ist, weiß eine eigens engagierte Office Managerin, bei der alle terminlichen Fäden zusammenlaufen. "Solche sehr offenen und flexiblen Strukturen mit einem hohen Anteil an Telearbeit sind sicher nicht für jeden geeignet", weiß die Chefin aus praktischer Erfahrung. Deshalb wird grundsätzlich mit jedem neuen Mitarbeiter eine halbjährliche Testphase vereinbart, in der beide Seiten prüfen können, ob sie mit dem ungewöhnlichen Modell zufrieden sind.

Ob das nun wirklich funktioniert? Die Antwort auf diese Frage kann Sissi Closs, die sich ihre Professorenstelle an der Fachhochschule Karlsruhe mit einem Kollegen teilt, ohne großes Zögern beantworten: "Ja, es funktioniert nicht nur. Alle, auch das Unternehmen, profitieren davon." Mehr Freiheit, mehr Motivation, mehr Engagement lautet die nur scheinbar einfache Zauberformel, mit der alle Befürworter von flexiblen Arbeitszeiten oder Telearbeitsmodellen argumentieren.

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Das hohe Maß an Flexibilität, mit der ein Angestellter nach eigenem Dafürhalten über den Ort seines Arbeitens entscheidet, und die Bereitstellung der dafür notwendigen Infrastrukturen und internen Organisationsmaßnahmen ist vielen Managern dann doch zu viel des Guten und der Menschenfreundlichkeit. Eine Einstellung, die der Münchner Unternehmerin Closs nur Kopfschütteln entlockt. "Unser Management basiert hier auf einer ganz wichtigen Grundvoraussetzung - Vertrauen", erklärt sie energisch. Ohnehin lasse es sich längerfristig sowieso nicht verbergen, wenn jemand meint, er könne sich mit weit überhöhten Stundenangaben durchmogeln". Schließlich gebe es zumeist Erfahrungswerte und letztendlich gelte, wann und wie gut die Aufgabe erledigt wird. Sissi Closs: "Das Ergebnis zählt, und wenn das gut ist, kann der Weg zum Ziel gleichgültig sein."

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