Home Storys, 4/2001
Computer & Schnuller
Ihre innovative Firmenkultur beschert der Comet-Gründerin Sissi Closs
den Ruf als familienfreundlichste Unternehmerin Deutschlands
von Natascha Zeljko
"Das Leben ist nichts, das man auf später verschieben kann.
Das Leben ist jetzt." Diesem Motto ist die Gründerin der Münchner
Software-Firma Comet Computer GmbH stets treu geblieben. Mit staunendem
Unverständnis beobachtete Sissi Closs bereits in jungen Jahren, dass
viele Menschen auf die Zeit nach dem Beruf hinlebten. "Für mich
hingegen war es wichtig, ein möglichst ausgefülltes Leben zu
führen", erläutert die studierte Informatikerin. "Ich
wollte etwas Eigenes machen, ohne vorhandene Strukturen zu erfüllen."
Das war der Impuls, ihren Job bei Siemens aufzugeben und sich selbstständig
zu machen. Ihre Idee, qualitativ hochwertige und wirklich verständliche
Handbücher für Software-Programme zu produzieren, erwies sich
als durchschlagender Erfolg. Bis dahin glich die Begleitliteratur zu Software-Programmen
fast ausnahmslos lieblos zusammengeschusterten Gebrauchsanweisungen, sprachlich
verworren und voller stilistischer Schnitzer.
Echte Pionierarbeit hat Sissi Closs auch auf einem anderen Feld geleistet.
Bereits vor 13 Jahren, als Deutschland in puncto Teilzeitjobs und Telearbeit
noch im seligen Dornröschenschlaf lag, setzte die 46-Jährige
auf flexible Arbeitsmodelle. Damit bot die Unternehmerin, selbst Mutter
eines 9-jährigen Sohnes, gerade Frauen eine interessante Alternative
zur langjährigen Babypause. Im Gegensatz zu anderen Firmen wird der
Teilzeitjob bei Comet Computer GmbH jedoch nicht als Nebengleis verstanden.
Auch diejenigen, die nicht Vollzeit arbeiten, haben die Chance, eine Führungsposition
zu bekleiden. "Die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, das
hatte ich von Anfang an vor Augen", erzählt Comet-Chefin Closs.
Besonders attraktiv war zudem das Angebot einer integrierten Kinderbetreuung
bei Comet Computer GmbH, die bis heute dafür eigens eine Mitarbeiterin
beschäftigt.
Mit dieser unkonventionellen Unternehmenskultur stieß die gebürtige
Saarländerin zunächst jedoch auf Skepsis und Ablehnung. Selbst
die Kunden wurden damals über die wahren "Zustände"
bewusst im Unklaren gelassen. "Das hätte unserem Image geschadet",
schmunzelt Closs heute. Irgendwann wendete sich das Blatt. Immer mehr
Frauen drängten auf den Arbeitsmarkt, fanden Geschmack am Berufsleben
oder mussten aus finanziellen Gründen ganz einfach etwas dazuverdienen.
"DIE PREISE VERSCHAFFEN UNS GROSSE AKZEPTANZ"
Die gesellschaftliche Realität hatte sich zusehends gewandelt. Sissi
Closs avancierte zur preisgekrönten Galionsfigur der neuen Unternehmenskultur.
1999 wurde Comet Computer GmbH von der Frauenzeitschrift "Cosmopolitan"
als familienfreundlichstes Unternehmen Deutschlands ausgezeichnet. Die
bayerische Staatsregierung verlieh ihr im vergangenen Jahr zum wiederholten
Male den Förderpreis für gute Ideen zur Verbesserung der Chancengleichheit
von Männern und Frauen in der betrieblichen Praxis.
"DAS GELINGEN HÄNGT VON JEDEM EINZELNEN AB"
Einen Sack Flöhe hüten - dieses Bild drängt sich auf, wenn
Sissi Closs von ihrem Arbeitsalltag erzählt, davon, wie anstrengend
es zuweilen ist, auf die vielen verschiedenen Bedürfnisse der Mitarbeiter
einzugehen und gleichzeitig das Wohl und die Funktionsfähigkeit der
Firma im Auge zu behalten. Denn Flexibilität heißt auch, dass
man sich immer wieder neuen Situationen stellen und kreative Lösungen
finden muss. Etwa, wenn das Kind einer Mitarbeiterin erkrankt ist und
darum ein anderer kurzfristig einspringen muss. "Ein Modell wie unseres
erfordert die Bereitschaft jedes einzelnen Mitarbeiters, Rücksicht
zu nehmen und nicht engstirnig auf einen klar begrenzten Zuständigkeitsbereich
zu pochen", betont die temperamentvolle Chefin, die seit 1997 außerdem
als Professorin für Informations- und Medientechnik an der Fachhochschule
Karlsruhe unterrichtet. "Sonst funktioniert es nicht."
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