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Der Spiegel, 22. November 1999"Fordert, was Ihr kriegen könnt"In Deutschland tritt eine neue Frauenbewegung an: nicht auf den Straßen, sondern in der Arbeitswelt. Mit Hilfe von Karriere-Netzwerken und Seilschaften machen sich die Frauen auf den Weg an die Macht - und entwickeln neue Formen, Beruf und Familie zu verbinden.von Susanne Weingarten und Marianne Wellershoff Bereits zweimal wurde die Münchner Firma Comet Computer für ihre "guten Ideen zur Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern" von der Bayerischen Staatsregierung ausgezeichnet. Vor zwölf Jahren gründeten Sissi Closs, 45, und ihr Geschäftspartner Michael Kusch den kleinen Betrieb, der ausgerechnet im Online-Dschungel verständliche Betriebsanleitungen anbieten wollte. Mittlerweile bedienen sich Siemens, AT&T, Nixdorf, IBM und die Bundesanstalt für Arbeit der technischen Übersetzungshilfen. Das Comet Computer-Team verfaßt außerdem Handbücher für Software-Programme, entwirft Konzepte für Unternehmen, die sich im Internet vorstellen wollen, und hilft Behörden, von den schwedischen Arbeitsämtern bis zum Bayerischen Landeskriminalamt, sich zu vernetzen. Bei Comet Computer kommen und gehen 40 Mitarbeiter, wann sie wollen. Ob sie zu Hause oder im Altbaubüro, nahe dem Oktoberfest, arbeiten, entscheiden die Kollegen selbst. Manche verbringen 12, andere 35 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz. Und wer nicht weiß, wohin mit den Kindern, bringt sie einfach mit. Der Grund dafür, daß die Firma in diesem Jahr mit sechs Millionen Mark Umsatz rechnet, klingt angesichts dieser Freizügigkeit paradox: "Äußerste Disziplin, Koordination und Kommunikation" seien die Voraussetzung ihres Modells, sagt Sissi Closs, die selbst auch nicht dem Image der Geschäftsfrau entspricht. Die Informatikerin trägt gelegentlich bauchnabelkurze Tops, dazu Schlaghosen, und hält wenig von dezentem Make-up. Hoch qualifizierte EDV-Spezialisten, die in allen Branchen dringend gesucht werden, ködert Closs, Mutter eines Sohnes, mit familienfreundlichen Arbeitsbedingungen, wie sie kaum ein anderes Unternehmen in Deutschland bietet. Nur ein Drittel der 24 Frauen und 16 Männer arbeitet voll, sei es den Kindern, sei es anderen Aufgaben zuliebe. 16 Kinder zwischen 1 und 25 wuchsen und wachsen quasi mit dem Unternehmen auf. Als die Krabbelgruppen unter den Computern zu groß wurden, gründete Closs mit anderen einen Hort. Heute betreut eine fest angestellte Kinderfrau den Nachwuchs, bei Bedarf auch in den Schulferien. Notfalls übernehmen weniger ausgelastete Kollegen schon mal einen Spielplatzdienst. Ein Leben im immer gleichen Trott konnte Sissi Closs sich beim Eintritt ins Berufsleben nicht vorstellen. Während sie ihr Unternehmen gründete, begann sie, nebenbei Tanzstunden zu geben. Ihre Mitarbeiter sucht sie, abgesehen, von der Qualifikation, danach aus, daß sie "mit ihrer Lebenseinstellung zu uns passen müssen". Einige Übersetzer arbeiten von Teneriffa oder New York aus. Eine Mitarbeiterin zog mit Mann und Kind erst nach Darmstadt, später nach Bonn und schickt ihre technischen Dokumentationen nun von dort aus. Viermal in der Woche steht sie vormittags, wenn ihre Kinder anderweitig versorgt werden, ihren Kunden telefonisch zur Verfügung, zwei Abende sind für die Arbeit reserviert. Das Netzwerk klappt nur, weil in der bayerischen Zentrale alle Kollegen, Kunden und Projekte in einer Hand zusammenlaufen. Eine Büroleiterin organisiert Rundrufe, verschickt E-Mails und lädt einmal im Monat zum Teamgespräch ein. Außerdem gibt es eine Notfallplanung. Als neulich das Zusammenspiel zwischen München und New York kurz vor Projektschluß auseinander brach, sprang die Chefin ruck, zuck selbst ein. "Flexible Teilzeit", sagt Closs, "lebt von der Flexibilität aller." ...
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