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Zeit Punkte, 05/99Die neue ArbeitsweltAlles ganz lockerProjektgebundene Aufträge, Tele- und Teilarbeitszeit - Fluch oder Segen? Die Mitarbeiter der Münchner Firma Comet Computer finden's himmlischvon Angelika Dietrich In dieser Firma kommen die Mitarbeiter, wann sie wollen. In dieser Firma gehen die Mitarbeiter, wann sie wollen. In dieser Firma nehmen die Mitarbeiter frei, weil das Wetter schön ist, und bringen ihre Kinder mit, weil gerade niemand auf sie aufpassen kann. Gearbeitet wird in dieser Firma auch. Logisch. Bei Comet Computer in München texten die Angestellten ganze Softwarehandbücher, sie tüfteln Online-Hilfen aus, übersetzen die Dokumente ins Englische, Französische, Spanische, stellen sie ins Internet oder ins Intranet des Kunden, entwerfen und entwickeln Software - ganz wie es der Auftraggeber wünscht. Schließlich ist Comet Computer ein Dienstleistungsunternehmen. In der Computerbranche läßt sich gutes Geld verdienen, wenn man es richtig anstellt. Das Besondere bei Comet: Der Betrieb verdient dieses Geld mit einem Arbeitszeitmodell, das heute werbewirksam, gut fürs Image ist - in diesen Zeiten, da alle flexible Arbeitszeiten fordern. Nur: Bei Comet gibt es dieses Modell seit zwölf Jahren, also seit die Informatikerin Sissi Closs und der Softwareentwickler Michael Kusch die Firma ins Leben riefen. Auch in anderer Hinsicht bewiesen die Firmengründer Gespür für zukunftsweisende Trends: Damals galt das Handbuchschreiben, die sogenannte technische Dokumentation, nur als lästig. Mußte eben zur Software mitgeliefert werden. "Heute", sagt Geschäftsführerin Sissi Closs, "wird sie immer wichtiger, weil die Leute sagen, ich kann mit dem Programm nichts anfangen, wenn ich nicht weiß, was es leisten kann." Damals hat Comet sein Arbeitszeitmodell vor den Arbeitgebern ein bißchen geheim gehalten. Vorurteile gab es sowieso schon genug wegen der vielen weiblichen Mitarbeiter: Frauen und Computer! "Können Sie das denn? Haben Sie so was schon mal gemacht?" hieß es damals (und heißt es manchmal heute noch). Sollte man da auch noch jedem Kunden auf die Nase binden, daß manche Projektleiterinnen nur 20 Stunden in der Woche arbeiten? Nicht jeden Tag im Büro hocken? Mütter sind? Natürlich springen nicht ständig Kinder über die Parkettflure der Firma, natürlich sind die Altbauräume nahe des Oktoberfestgeländes bei Sonnenschein nicht komplett verwaist. Aber das Konzept läßt das prinzipiell zu. Schließlich hat Sissi Closs die Firma gerade deswegen gegründet, weil sie keine Lust hatte auf feste Arbeitszeiten, von irgendwem diktiert. "Ich wollte so arbeiten, wie es mir ganz persönlich in meine Lebensgestaltung paßt", sagt die heute 44jährige. Und es paßte eben nicht, von morgens bis abends im Büro zu hocken, keine Zeit mehr zu haben für Tanzstunden, die sie nebenbei gab. "Ich arbeite gerne sehr intensiv und bringe die besten Leistungen, wenn ich meine Arbeit nach meinen Ideen organisieren kann", sagt die Firmengründerin. Mittlerweile zählt der Betrieb 40 Mitarbeiter, davon sind zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer; neben dem Münchener Büro gibt es noch eines in Höhenrain am Starnberger See und seit Januar diesen Jahres die Tochterfirma Comet Communication GmbH. Jahresumsatz des Gesamtunternehmens: fünf Millionen Mark. Zu den Auftraggebern gehören Firmen wie IBM, Siemens, die Bundesanstalt für Arbeit, das Bayerische Landeskriminalamt oder die Hypobank. Thomas Wiesner arbeitet gerade an einem Handbuch über digitale Ortsvermittlungsstellen. "Das sind die grauen Kästen, die in der Stadt stehen und die Telefonate verteilen", erklärt er. Das Verteilen übernimmt der Computer. Manchmal spinnt der, und nichts klappt, wie es soll. Dann suchen die Menschen, die den Computer bedienen, in Thomas Wiesners Handbuch nach Hilfe: Was sie anklicken oder eingeben müssen, damit die digitale Ortsvermittlungsstelle wieder ordnungsgemäß verbindet. Alles, was Wiesner über digitale Ortsvermittlungsstellen weiß, hat er recherchiert. Es gehört zu seinem Job, "Infos zu Dingen zu besorgen, von denen ich keine Ahnung habe." Eigentlich ist Wiesner Lehrer fürs Gymnasium, Chemie und evangelische Religion. Ende der achtziger Jahre war er arbeitslos, schrieb ein Lehrbuch für Umweltberater und wollte herausfinden, ob sich aus dem Ratgeberschreiben nicht ein Beruf machen ließe. Bei einem Dienstleistungsunternehmen für technische Dokumentation in Darmstadt belegte er einen Kurs und bildete sich zum technischen Redakteur fort. Seit November ist der 38jährige bei Comet. Vollzeit. Viele Kollegen Wiesners sind genauso fachfremd wie er: Philosophen, Biologen, Geisteswissenschaftler. In diesem Job komme es darauf an, sagt Sissi Closs, daß jemand formulieren und Sachverhalte darstellen kann. "Sehr langweilig formulieren", ergänzt Wiesner, "es muß ja wiedererkennbar sein. Da kann man nicht für einen Begriff viele Synonyme verwenden - wie man es in der Schule gelernt hat." Der Text muß logisch strukturiert und gegliedert sein. Dazu ist kein technisches Studium nötig, aber technisches Grundverständnis sollte man schon mitbringen. Sie habe schon mit hochwertig ausgebildeten Leuten zusammengearbeitet, sagt Sissi Closs, und das sei gar nichts gewesen. Mit Leuten ohne entsprechende Ausbildung hat sie dagegen gute Erfahrungen gemacht. Neue haben bei Comet ein halbes Jahr Probezeit, sie arbeiten in festen Projekten mit, "da sieht man schnell, ob's gutgeht oder nicht." Seit dem Wintersemester 1996/97 gibt es zum Beispiel an der Fachhochschule Karlsruhe den Studiengang "technische Redaktion", als komplettes Studium und als Aufbaustudium. Zwei Drittel der Ausbildung machen rein technische Fächer aus, wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Informatik. Ein Drittel ist Dokumentations-Know-how: technische Texte schreiben. Eine der Professorinnen ist Sissi Closs. Sie grinst: "Klar haben wir die ersten Absolventen aus dem Aufbaustudium schon übernommen." Neben technischen Redakteuren arbeiten bei Comet Computer auch ein paar EDV-Techniker. Das Credo der Chefin: Wenn wir schon die Information zur Verfügung stellen, muß es auch technisch klappen - Rundum-Service für den Auftraggeber. Rundum-Service aber auch für die Belegschaft: Als die Mitarbeiterinnen plötzlich Kinder bekamen, gab es eine firmeneigene Kinderfrau; jetzt, da die Kinder in die Schule gehen, gibt es Frauen, die während der Schulferien nicht ins Büro kommen - das Modell wuchs und veränderte sich mit der Belegschaft. "Wenn man Kinder hat", sagt Closs, "ist eine flexible Arbeitszeit zwingend notwendig." Aber es gebe ja noch so viele andere Lebensentwürfe: Der eine hat ein intensives Hobby, die andere promoviert nebenbei, einer ist politisch engagiert, eine andere hat noch einen zweiten Halbtagsjob. Oder die Kollegin, die Pferde und das Landleben liebt, die nahm ihren Arbeitsplatz eben mit und sitzt nun zu Hause in der Nähe von Landshut für Comet am Computer. Auch bei Anne Moldzio ist der Comet Computer-Arbeitsplatz mit umgezogen, als es sie 1996 nach Darmstadt verschlug. Ein gleichwertiger Job bei einer Firma vor Ort war einfach nicht zu finden. "Man ist verwöhnt", sagt Frau Moldzio. Ihre Ansprüche: Teilzeit wegen der Kinder, aber bitte auch Verantwortung. So kannte sie es von Comet Computer, und so praktiziert sie es nun auch weiter. Berufs- und Privatleben unter einem Dach organisiert Anne Moldzio so: Vier Vormittage in der Woche, von Viertel nach acht bis Viertel nach zwei, ist sie für ihre Kunden telefonisch zu ereichen, die Kinder sind im Kindergarten und bei der Tagesmutter. Zwei Abende hat sie für die Arbeit reserviert, die Kinder schlafen dann. Und ein paar Stunden am Wochenende. Weil aber Notfälle garantiert dann passieren, wenn sie frei hat, guckt sie jeden Abend in ihrer Mailbox nach, ob der Kunde eine SOS-E-Mail geschickt hat. Im Münchener Büro organisiert Ann Krombholz das Kommen und Gehen: In einem schwarzen Buch notiert sie alle Anrufe, sie weiß, wer da ist, wer welches Projekt betreut. In monatlichen Teamgesprächen werden mit der gesamten Belegschaft Projekte, Probleme, Termine besprochen, an die Kollegen draußen gehen Rundbriefe und E-Mails raus, abgerechnet wird nach dem Stundenzettel. Ein Drittel der vierzig Mitarbeiter arbeiten Vollzeit; alle anderen haben Teilzeitverträge, nach den verschiedenen Wünschen individuell geregelt - manche kommen ein paar Stunden in der Woche, manche für bestimmte Projekte. Flexibel arbeiten kann aber nur, wer selbst flexibel ist. Ein Projekt wird kurzfristig gekippt, ein anderes kommt rein, ein drittes verschiebt sich -"Wer nicht flexibel ist, ist schnell überfordert", sagt Sissi Closs. 1994 bekam Comet Computer seine ersten Preise: einen ersten Platz beim "Europäischen Wettbewerb für Technische Dokumentation", den "ersten Preis der Bayerischen Staatsregierung für die Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der betrieblichen Praxis". Immer wieder gab es seitdem Auszeichnungen, zuletzt den Cosmopolitan Award der gleichnamigen Zeitschrift als familienfreundlichster Betrieb Deutschlands. Der Wanderpokal, ein Plüschhund, hat im Büro einen Ehrenplatz. Das Firmenkonzept muß Comet Computer also schon lange nicht mehr geheimhalten. Im Gegenteil. ...
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